Ich bin selber zartfühlend und kenne die vielen Gesichter, die dieses Persönlichkeitsmerkmal hat. Ich wollte jahrzehntelang nicht wahrhaben, dass ich "anders" bin. Ich habe alles dafür getan, so zu sein wie meine Mitmenschen. Ich habe mich angepasst und bin über meine Bedürfnisse hinweggegangen, weil ich glaubte, dann mögen mich die Menschen.
Das war ein Irrtum!
Als staatlich anerkannte Erzieherin habe ich 13 Jahre lang Kinder und ihre Familien begleitet. Davon war ich vier Jahre Gruppenleitung einer Familiengruppe, die sich aus Kindern zwischen drei und vierzehn Jahren zusammensetzte. Im Laufe der Jahre habe ich viele zartfühlende Kinder erlebt. Nicht immer haben die Eltern es erkannt und auch manche Pädagogen tun sich bis heute schwer zu verstehen, was es bedeutet, hochsensibel zu sein.
Das Erkennen, Verstehen, Akzeptieren und damit umgehen lernen ist eine wichtige Voraussetzung, damit auch die Kinder lernen können, mit ihrem Persönlichkeitsmerkmal umzugehen und es anzunehmen. Ich selber habe erst im Erwachsenenalter herausgefunden, dass ich zartfühlend bin. Nun verstehe ich, warum sich die Welt für mich anders anfühlt und ich sie anders wahrnehme als die Menschen um mich herum.
Meine Kinder sind auch zartfühlend. Sie durften ihre Bedürfnisse von Anfang an benennen und ausleben.
Ein Beispiel:
Wenn wir zum Spielplatz gingen, konnte es passieren, dass es meinen beiden dort zu voll war. Zu laut, zu viele Kinder, zu unruhig. Dort wollten sie nicht bleiben und lieber wieder in unserem Garten spielen, wo es ruhiger war. So lernten sie, mit ihren Gefühlen, Wahrnehmungen und Bedürfnissen umzugehen und sie auch zu kommunizieren, was besonders wichtig ist.
Natürlich ist es auch wichtig, Grenzen zu setzten, Rituale zu pflegen, Anpassung zu lernen, ohne sich zu verbiegen oder zu verleugnen. Trotz aller Rahmenbedingungen sollte genügend Platz da sein, dass sich unsere Kinder entwickeln und entfalten können, mit all ihren Facetten. Eine authentische Persönlichkeit zu sein, erleichtert das Leben.
Natürlich gab es immer wieder Eltern, Freunde, Bekannte und Pädagogen, die das nicht verstehen konnten. Hier halfen offene und ehrliche Gespräche und Erklärungen über das PhänomenHochsensibilität.Elterngespräche sind eine gute Gelegenheit, um aufzuklären.
Meine Kinder zeigen mir noch heute Tag für Tag, wie wichtig es ist, authentisch zu sein und zu dem zu stehen, was man ist und fühlt.
Ich möchte dazu beitragen, dass zartfühlende Menschen ihr Persönlichkeitsmerkmal verstehen und sich trauen ihren Gefühlen, Empfindungen und Bedürfnissen zu vertrauen, sie zu benennen und zu leben.
Ich möchte aufklären, damit die Gesellschaft und besonders Pädagogen Stück für Stück verstehen und begreifen, dass es kein Einzelphänomen ist. Immerhin sind 15-20 % der Menschen hochsensibel. Nicht gerade wenig, somit ist jeder Fünfte zartfühlend.
Jeder, der Nicht-Hochsensiblen erklärt, warum wir Zartfühlenden anders wahrnehmen und empfinden und dass dieskeineKrankheit oder psychische Störung ist, trägt dazu bei, dass Zartfühlende akzeptiert werden und als wertvolles Mitglied der Gesellschaft gesehen werden. Denn ohne uns hochsensible Menschen gäbe es die Berufe nicht, wo Feinfühligkeit und Mitgefühl nötig sind.
Ganz allgemein bin ich der Meinung, dass wir wieder mehr Menschlichkeit und Mitgefühl in unserer Gesellschaft brauchen.